3. April 2008

Ausflug: Coney Island

Das berühmt-berüchtigte Viertel Coney Island in Brooklyn wird es bald nicht mehr geben: Ab Oktober 2008 werden Bauarbeiter den maroden Stadtteil plattwalzen und mitsamt des charmanten Retro-Vergnügungsparks Astroland dem Erdboden gleich machen.

Stattdessen soll hier in den nächsten Jahren ein neuer, moderner Rummel entstehen. Grund genug also, sich schnell nochmal in die Subway zu setzen, um ein bisschen in Coney Island und dem benachbarten russischen Viertel Brighton Beach herumzuschlendern, am Boardwalk entlangzulaufen, die salzige Meerluft zu schnuppern und melancholisch auf den weiten Atlantik hinauszusehen. Wenn man tagelang durch die City gelaufen ist und immer nur bis zur nächsten Straßenecke sehen konnte, überrascht einen die plötzliche Weite: Der Blick gleitet frei bis zum Horizont, wo sich das eine oder andere Schiff herumtreibt. Man atmet auf, entspannt sich merklich.

Zugegebenermaßen: Es ist eigentlich kein Wunder, dass Coney Island renoviert werden soll, denn so etwas wie dieses Viertel dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben. Man denkt irgendwie automatisch an David Lynchs Film "Elephant Man" und an Jahrmärkte, wie es sie vielleicht vor hundert Jahren noch gab. Retro wird hier groß geschrieben, aber nicht auf eine sorgsam gepflegte museale Art, sondern vielmehr aus schlichter Vernachlässigung: Coney Island war bisher einfach immer so weit ab vom Schuss und brachte so wenig Geld ein, dass sich einfach niemand die Mühe gemacht hat, hier etwas Neues hinzustellen.

Zur Einstimmung empfiehlt sich ein Besuch bei der Freak Show: Feuerschlucker, Schlangenladies und andere "Freaks" stehen hier jeden Samstag und Sonntag von 14 bis 20 Uhr auf der Bühne. Der Eintritt kostet nur $6 und das Programm ist fortlaufend. Man geht einfach rein, wenn man dort ankommt. Wenn die Show vorbei ist, geht sie gleich wieder von vorne los. (Surf Avenue Ecke West Street, Tel. +1-718-372-5159).

Danach lässt sich bei Nathan's gut ein Hotdog verdrücken. Nathan's is legend, denn der Laden beansprucht für sich, der Geburtsort der Hotdogs zu sein. Da widersprechen zwar einige, doch unbestritten ist, dass Nathan's seit 1916 jedes Jahr zum Nationalfeiertag am 4. Juli einen Hotdog Eating Contest veranstaltet, in dem es darum geht, möglichst viele Hotdogs in zwölf Minuten zu verschlingen... Der Rekord liegt zur Zeit immerhin bei unglaublichen 66 Hotdogs.

Dermaßen gestärkt können sich die Mutigen auf die hölzerne Achterbahn Cyclone wagen. Wer leicht anfällig für Rückenschmerzen ist, sollte sich das allerdings vielleicht doch zwei mal überlegen. Aber es ist auf jeden Fall eine wertvolle Erfahrung in Sachen Todesangst...

Stattdessen kann man auch den Boardwalk in Richtung des russischen Viertels Brighton Beach entlangschlendern, also immer gen Osten. Auf dem Boardwalk tragen im Winter die alten russichen Immigranten ihre Pelze zur Schau, spielen Schach, und die Ladies tragen ihren pinken Lippenstift spazieren. Auf dem Weg kann unsereiner wenn man Glück hat sogar den einen oder anderen Schatzsucher beobachten, der mit einem Metalldetektor den Sand des Strandes nach verlorenen Schmuckstücken durchkämmt. Meistens findet er nur Kronkorken, aber ab und zu ist auch mal ein Goldring dabei.. Jeden Sonntag von Oktober bis April trifft sich der Polar Bear-Schwimmclub bei Brighton Beach am Strand und steigt in den eiskalten Atlantik... Auch tendenziell eher was für Liebhaber, würde ich sagen.

Aber wenn man dann auf dem Boardwalk bei den Restaurants "Tatjana" und "Volna" ankommt, weiß man dass man in Brighton Beach ist. Dort kann man in einem der Restaurants auch gleich einen Vodka bestellen, der dann russian style gleich im großen Wasserglas daher kommt... Von kleinen Schnappsgläsern halten sie hier nichts.

Zur Ausnüchterung einen Block weg vom Strand zur Hochbahn hin laufen und dort auf der Haupteinkaufsstraße all die russischen Geschäfte und Schilder bewundern. Obwohl man sich, wenn man sich die Menschen dort ansieht, des Gedankens nicht erwehren kann, dass das russische Essen kann einfach nicht gesund ist: Jeder über 25 sieht irgendwie aufgequollen und fahl aus. Warum das so ist, kann man im Supermarkt "International" herausfinden... die Treppe hoch, und sich im 1. Stock (2nd floor) an einen der kleinen Tische setzen und etwas russischen Essen verkosten - Jede Menge Fisch und Fleisch, Gemüse eher weniger. Es laufen ein paar junge Mädchen in superkurzen, leicht nuttigen Miniröcken herum, denen alte Männer hinterhergeifern - ohne Worte.

Schlußendlich wieder die Stufen zur Hochbahn erklimmen und müde, voller neuer Eindrücke in die Subway steigen... Der Abschluss einer schönen Zeitreise in die Vergangenheit.




Mit dem D, F, N oder Q Train bis zur Station Coney Island oder mit dem B oder Q train bis Brighton Beach, ca. 45 Minuten von Manhattan
Stadtplan
www
Email: info (at) coneyisland.com
Astroland ist vom 16. März bis 3. September 2008 geöffnet. Ein Besuch in Coney Island und Brighton Beach lohnt sich aber das ganze Jahr über.

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Kanchana hat gesagt…

ein wunderbar geschriebener virtueller Ausflug nach Coney Island; spätestens seit ich die mir aus dem Film Requiem for a Dream bekannte Kulisse vor 2 Jahren selber angeschaut habe, kann ich den Mythos nachvollziehen... eine doch sehr "spezielle" Atmosphäre dort unten :)

aber ein wirklich sehr schön geschriebener Eintrag von dir ä leider kommt hier ja nur sehr selten neues hinzu :(

würde mich freuen.!