Ich hatte lange Zeit eine gewisse Scheu, nach Harlem zu fahren, um mir dort einen Gospel-Gottesdienst anzusehen. Dass ich nicht an Gott glaube, hatte damit etwas zu tun (Ein Bekannter fasste es einmal treffend zusammen: "Religion would be nice"). Und auch das unangenehme Gefühl, dort nicht Teilnehmerin sondern eben Zuschauerin zu sein. Die eindeutige Außenseiterin, für alle klar sichtbar, die Weiße, die Unreligiöse, ein Fremdkörper in einer Art intimer Gruppenerfahrung unserer schwarzen Mitbürger. Die Tatsache, dass sonntags ganze Busladungen mit Touristen durch Harlems Kirchen gekarrt werden, steigerte mein Unwohlsein eher. Wie kommen sich die Menschen dort vor, wenn wir sie so anstarren?
Aber nun war ich endlich einmal dort, und muss zugeben, dass meine Bedenken unangebracht waren. Man begegnet so viel Herzlichkeit und wird mit solch offenen Armen empfangen, dass man eigentlich nur gerührt und leicht verdattert Platz nehmen kann. Und man muss tatsächlich noch nicht einmal religiös sein, um an den Gospel-Gottesdienste in der Saint Luke-Kirche Spaß zu haben. Es wird dort so viel gesungen und im Takt mitgeschwungen, die Arme erhoben und der Kopf mit geschlossenen Augen zurückgelegt, dass man so oder so mitgerissen wird, ob man nun an Gott glaubt oder nicht.
Schon von weitem sieht man die African-American Ladies zur Kirche laufen: Immer prächtig herausgeputzt, mit blitzeblanken Schuhen, das Outfit gerne mit einem extravaganten Hut vervollständigt. Denn es sind in erster Linie schwarze Ladies eines gewissen Alters, die es in Harlems Kirchen lockt. Zum Beginn des Services kommt ein Chor von vielleicht 40 Frauen rein und nimmt rechts und links des Altars Platz. Hymnen, Gospelsongs und Predigten wechseln sich ab, wobei während der Predigten eine Art Call and Answer stattfindet - Reverend Wilson predigt etwas, und erntet sofortiges Feedback von der Gemeinde: Yes! Hallelujah! Jesus!, schallt es ihm entgegen.Mit der Zeit verfallen einige Besucher in eine Art Trance, singen und tanzen dabei. Es stehen bereits ein paar Schächtelchen mit Taschentüchern griffbereit, denn viele Teilnehmer sind emotional so stark gerührt, dass schon mal das eine oder andere Tränchen fließt. Als ich dort war fragte zum Beispiel der Reverend, "Do we have any survivors here?" und erntete zahlreiche Antworten. Yes! schrie eine junge Frau im Chor, weinte dabei herzzerreißend und hob die Arme verzweifelt gegen Himmel. Da musste ich dann auch schon mal zur Taschentuch-Schachtel greifen.
Gospelgottesdienste sind einfach hundert Mal emotionaler als traditionelle Gottesdienste. Sie werden mit Körper und Herz erfahren und hinterlassen eine kathartische Ruhe, wenn man einige Stunden später nach Hause geht. - Sonntag morgens um zehn geht es los und dauert "as long as the spirit is moving us", aber meistens bis gegen 13 Uhr.

Saint Luke African Methodist Episcopalian Church
1872 Amsterdam Avenue (und 153rd Street)
in Sugar Hill (Harlem)
Sonntags von 10 bis ca. 13 Uhr
www.stlukeamec.org
Tel. +1-212-870-1349
Email stlukeamec (at) aol.com
Stadtplan
Mit dem C, B oder D Train bis 155th Street fahren, oder mit dem No. 1 Train bis 157th Street
14. April 2008
Gospel-Gottesdienst in der Saint Luke African Methodist Episcopalian Church
Labels: Schauen
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